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Abenteuer Nationalpark

„Nationalparks waren stets Schlachtfelder des Naturschutzes, und sie sind es noch“, schreibt Paul Schullery vom Yellowstone Nationalpark in seinem Vorwort zu einem Führer durch die nordamerikanischen Naturreservate. In den Industriestaaten gibt es außerhalb dieser begrenzten Gebiete fast keine naturnahen Lebensräume mehr. Allenfalls Landschaften, die man wegen steiler Hänge oder schlechter Böden nicht intensiv für die Land- oder Forstwirtschaft nutzen kann, bieten noch Rückzugsraum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Mit atemberaubender Geschwindigkeit vollzieht sich die gleiche Entwicklung zurzeit in vielen sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern: So nutzen sowohl Ruanda in Ostafrika als auch westdeutsche Bundesländer wie Niedersachsen bereits nahezu 100 Prozent der Fläche intensiv und haben unberührte Lebensräume in kleine Reservate, winzige Punkte auf der Landkarte, zurückgedrängt.

Nationalparks sind in dieser Situation die letzten Bastionen intakter Natur, Garanten für das Überleben unzähliger Tier- und Pflanzenarten außerhalb von Zoos und Botanischen Gärten. Im globalen Artenschutz sind viele Horrorszenarien dank der Parks nicht eingetroffen. Manche Naturschützer gingen davon aus, dass spätestens um die Jahrtausendwende viele Wildtierarten nur noch in Zoos überleben würden. Tierparks starteten bereits für ehemals häufige Tiere sogenannte „Erhaltungszuchtprogramme“ mit dem Ziel, für die in freier Wildbahn aussterbenden Spezies einen Zuchtbestand in Gefangenschaft aufzubauen.

In Deutschland hat die Ausweisung neuer Nationalparks dem stark in die Defensive geratenen Naturschutz neuen Aufwind gegeben. Während für den technischen Umweltschutz, der sich um Wasser, Boden und Klima kümmert, immer mehr staatliche Vorschriften erlassen und finanzielle Mittel bereitgestellt wurden, blieb der Naturschutz das „Stiefkind“ der Politik.

Neuen Aufwind für den Naturschutz brachte auch in Deutschland die Nationalparkidee, die sich in der „alten“ Bundesrepublik zuerst zögerlich, seit der Wiedervereinigung aber mit großer Dynamik entwickelte. Sowohl Nationalparks als auch Biosphärenreservate (Großschutzgebiete mit hohem Anteil an Kulturlandschaft) können auch anspruchsvolleren Tier- und Pflanzenarten ein dauerhaftes Überleben in Deutschland ermöglichen – doch leider kam nach der Gründung der Parks Bayerischer Wald (1970) und Berchtesgaden (1978) sowie im deutschen Wattenmeer die Ausweisung weiterer geeigneter Gebiete nicht mehr recht voran. Eine Trendwende brachte hier erst die Wiedervereinigung.

„Dank der mutigen Initiative von ostdeutschen Naturschützern ist es gelungen, binnen weniger Monate die ökologisch wertvollsten Naturräume zwischen Rügener Kreidefelsen und Sächsischer Schweiz unter Schutz zu stellen. Damit wurden Schrittmacherdienste für den Naturschutz im vereinten Deutschland geleistet. Für den geplanten Biotopverbund auf zehn Prozent der Fläche in ganz Deutschland werden diese Gebiete eine wichtige Rolle spielen“, so der damalige deutsche Bundesumweltminister Jürgen Trittin anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des DDR-Naturschutzprogrammes. Dieses Konzept wurde von der letzten DDR-Regierung unter maßgeblicher Beteiligung von Michael Succow im September 1990 verabschiedet. Fünf Nationalparks, sechs Biosphärenreservate und drei Naturparks wurden ausgewiesen und erhielten im Einigungsvertrag Bestandsschutz. Die Erfolge dieses Nationalparkprogramms brachten nach der Wiedervereinigung auch diejenigen Bundesländer in Zugzwang, die sich früher mit Großschutzgebieten nicht wirklich anfreunden wollten. Mittlerweile wurden auch im Westen Deutschlands eine Reihe weiterer Gebiete unter Schutz gestellt.

Von der lokalen Bevölkerung werden Nationalparke manchmal als Eingriff in traditionelle Rechte und ihre Mitbestimmungsrechte angesehen. Bei bestimmten Konfliktthemen wie Pilzesammeln waren die Regelungen bei den ersten deutschen Nationalparken nicht immer optimal. Sicher ist diese Schutzgebietsform nicht für alle Bereiche geeignet und letztlich nur auf Staatsgrund realisierbar. Für die Integration bebauter oder in Privatbesitz befindlicher Flächen gibt es andere Schutzgebietskategorien, die es ermöglichen, die Bevölkerung besser in die Naturschutzstrategie einzubinden und traditionelle, naturverträgliche Wirtschaftsformen zu einzubinden. Hier sollten dann besser großzügige Kernzonen Wildnisinseln in der umgebenden Kulturlandschaft sichern.

Zwingend ist vor allem eine umfassende naturschutzfachliche Begründung und konsequente Logik bei allen unmittelbaren Eingriffen in das freie Betretungsrecht. Es ist naturschutzfachlich fragwürdig und der Bevölkerung nicht vermittelbar, wenn zum Beispiel das Pilzesammeln oder Verlassen ausgewiesener Wege großflächig verboten werden, gleichzeitig aber unmittelbar angrenzend oder sogar auf der gleichen Fläche umfassende Sonderrechte für Parkmitarbeiter, Wissenschaftler, Holzfäller und Jagdbetrieb gelten, wie das in manchen deutschen Nationalparken zeitweise der Fall war.

Natur Natur sein lassen im NP Bayerischer Wald

Im Prinzip ist eigentlich alles klar: zumindest in den Kernzonen von Nationalparks soll eine vom Menschen ungestörte Entwicklung der Natur möglich sein. So können in bewaldeten Teilen beispielsweise Urwälder entstehen, wie es auch die internationalen Richtlinien vorsehen. In der Praxis aber versuchen oft mächtige Nutzerlobbys und Lokalpolitiker, diese Spielregeln zu ihren Gunsten zu verändern, wenn die Natur tatsächlich einmal „ihre Muskeln spielen lässt“ und es zu sichtbaren Prozessen wie dem Befall des Waldes durch „Schädlinge“ kommt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Umgang mit dem Borkenkäfer im Nationalpark Bayerischer Wald, der seit Mitte der 90er Jahre die Diskussion bestimmte.

International bekannt wurde der Park wegen des (im alten Parkteil) konsequenten Umgangs mit der Nationalparkphilosophie, die menschliche Eingriffe in den Naturhaushalt weitgehend ausschließt. Die für die Hochlagen des Parks typischen Bergfichtenwälder begannen sich durch Windwürfe, Schneebruch und Absterben von Altbäumen vom Wirtschafts- zum Urwald zu entwickeln. Gleichzeitig kehrten viele Tier- und Pflanzenarten zurück, die zwingend auf totes Holz in Form von gefallenen Bäumen und liegenbleibenden Ästen angewiesen sind – und bislang in den kultivierten Baumreihen keinen Unterschlupf fanden. Auch für störungsempfindliche Tiere wie den Luchs bedeutete die Einstellung des Forstbetriebes und die Auflösung von Forststraßen mehr Rückzugsraum. Alles lief perfekt – bis in den 90er Jahren der Borkenkäfer kam.Die durch Luftschadstoffe und eine längere Trockenperiode geschwächten Fichten wurden massenhaft von diesem „Schädling“ befallen und starben ab. Das ist ökologisch kein besonderes Problem: im Schutz der absterbenden Altfichten wächst eine neue, stabilere Waldform heran. Doch in der Übergangszeit entstehen Bilder eines „sterbenden“ Waldes.

Gleich hektarweise und ohne Rücksicht auf populäre Wanderwege und Aussichtspunkte bot sich anstelle des von vielen Touristen erhofften „Grünen Herzes“ ein Bild von toten Baumgerippen. Gleichzeitig fürchteten Privatwaldbesitzer mit Forsten im Umland des Parks um ihre Rendite, falls eine Borkenkäferinvasion ihre Bestände befallen sollte. Schließlich gab es noch örtliche Lobbyisten, die schon immer gegen den Nationalpark waren und jetzt ihre Chance sahen, gegen die ungeliebte Parkverwaltung und ihre Fürsprecher vorzugehen. Außerdem war die Bevölkerung an einen „grünen“ Wald gewöhnt und konnte oder wollte sich nicht mit den ökologischen Hintergründen beschäftigen.

Da konnten Parkverwaltung und Naturschutzverbände auf die dutzendfach vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen verweisen, so oft sie wollten: alle belegten, dass im Schutz der absterbenden Altbäume massenhaft junge Laub- und Nadelbäume nachwuchsen und daher der Wald keineswegs in Gefahr war. Viele wollten das Experiment Nationalpark abbrechen und lieber ein touristisch gut zu vermarktendes Wandergebiet daraus machen. Zu allem Überfluss wurde der Streit um den Borkenkäfer auch noch mit der in der Endphase befindlichen Erweiterungsplanung für eine Ausdehnung des Parks auf weitere Staatswaldflächen verquickt.

Glücklicherweise konnten sich in der Parkverwaltung die Anhänger der Nationalparkidee zumindest teilweise durchsetzen; die Parkerweiterung geriet nicht in Gefahr. Auch wurde in den bisherigen Urwaldgebieten der Borkenkäfer nicht bekämpft. Allerdings wurde für die Randbereiche und weite Teile der Erweiterungsfläche der Waldbesitzerlobby nachgegeben und der Käferbekämpfung inklusive großflächiger Kahlschläge, Bau von Forststraßen sowie verzögerter Kernzonenausweisung zeitlich befristet Vorrang vor einer ungestörten Waldentwicklung eingeräumt.